KariesDie zehn größten Mythen über das Loch im Zahn

Über Karies ist doch alles gesagt, denken Sie jetzt. Eine Google-Suche und Sie wissen alles über diese Seuche. Und dennoch kriegen fast alle Menschen in ihrem Leben Karies. Eine Impfung dagegen gibt es bislang nicht. Mein Name ist Dr. Volker Storcks, ich bin seit über 20 Jahren Zahnarzt und möchte Ihnen ein paar mehr Aspekte zum Thema nahebringen, auf die es aus meiner Sicht wirklich ankommt.

Mythos Nr. 1: Von Geburt an weicher Zahnschmelz

Wer zu viel Süßes isst, kriegt Karies, ist doch klar, sagen Sie zurecht. Und dennoch gibt es Menschen, die sich sehr süß ernähren und keine oder wenig Karies kriegen. Wie kann das sein? Anscheinend gibt es da noch mehr Faktoren, die die Kariesentstehung beeinflussen. Ich habe beispielsweise beobachtet, dass diese Menschen sich oft verhältnismäßig gut die Zähne putzen, ihnen das aber gar nicht bewusst ist. Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es keine weichen Zähne, der Schmelz ist immer gleich hart, bei jedem von uns. Diese Ausrede können sie also getrost vergessen. An dieser Stelle verweise ich nur kurz auf eine große Ausnahme, die bei den Kindern stark zunimmt: “Kreidezähne” bzw. Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation, wie der Fachmann sagt. Diese Erkrankung ist tatsächlich angeboren und verursacht in verschiedenen Ausprägungen einen nicht gereiften Zahnschmelz am ersten bleibenden Schneidezahn (die 1er) und am ersten bleibenden Backenzahn (die 6er). Bis heute ist ungeklärt, wie dies zustande kommt und mit viel Leid bei den Betroffenen verbunden.

Zurück zur Karies: Diese entsteht immer durch Säuren, welche Bakterien produzieren, die als Belag an unseren Zähnen kleben. Wenn diese Bakterien Zucker als Nahrung kriegen, produzieren sie richtig viel Säure, welche regelrecht den Kalk aus den Zähnen herauslöst. Das heisst also, wenn Sie den bakteriellen Belag täglich gründlich entfernen, kann keine Säure produziert werden, auch nicht, wenn Sie Süßes essen!

Nun sind die wenigsten Menschen in der Lage, wirklich den kompletten Zahnbelag täglich zu entfernen, nicht einmal den Zahnärzten gelingt das. Trotzdem kriegen Sie keine Karies. Es muss also noch mehr Parameter geben, wie z.B. den Speichel. Wenn Sie viel Speichel produzieren, werden die Säuren der Bakterien abgepuffert und die Beläge bei der Nahrungsaufnahme besser weggespült. Einige Medikamente verursachen nun einen verringerten Speichelfluss, wie zum Beispiel Antidepressiva. Diese Patienten haben ein erhöhtes Risiko, Karies zu bekommen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist natürlich die Ernährung. Diese sollte zahnfreundlich sein, was bedeutet: Möglichst wenig niedermolekulare Kohlenhydrate, sprich Zucker. Viel Gemüse und Obst, Getreideprodukte, Grundnahrungsmittel wie Kartoffeln, Reis, Brot. Möglichst wenig industriell “veredelte” Produkte, in diesen ist meist viel Zucker enthalten. Bananen und andere Früchte sind natürlich auch kariogen, trotzdem sind sie viel gesünder als Nahrungsmittel aus Industriezucker, da sie auch neben Kohlenhydraten noch Eiweiße, Fette, Spurenelemente, Salze (Mineralien), Ballaststoffe und viele Vitamine enthalten.

Mythos Nr. 2: Zahnseide schützt vor Karies im Zahnzwischenraum

Zahnseide: Non Plus Ultra?

Lange habe ich es selbst geglaubt, die tägliche Anwendung von Zahnseide schützt vor Karies. Da gibt es gewachste, ungewachste, mit Fluorid und anderen Chemikalien getränkte Produkte. So wurde und wird doch die Zahnseide seit vielen Jahren von Zahnärzten empfohlen. Heute wissen wir aus vielen wissenschaftlichen Studien: Die Zahnseide hat kaum einen messbaren Effekt. 

Und ich kann dies aus der Praxis nur bestätigen: Wer von meinen Patienten benutzt schon täglich Zahnseide? Die Wenigsten. Viele Menschen benutzen keine Zahnseide und kriegen keine Löcher in den Zahnzwischenräumen. Der wichtigere Aspekt ist erwiesenermaßen die zweimal tägliche Reinigung der Zähne mit einer fluoridhaltigen Zahncreme zusammen mit einer zahngesunden Ernährung.

Das heisst aber im Umkehrschluss nicht, dass man keine Zahnseide benutzen soll. Grobe Speisereste lassen sich damit sehr gut entfernen und wer mit der Zahnseide zusätzlich sein Gebiss pflegt, sollte dies weiterhin tun. Schaden kann es nicht. Das beste Hilfsmittel, um die Zahnzwischenräume von Belag zu befreien, ist eine Bürste, die Interdentalbürste.
Gerade bei jungen Menschen sind die Zahnzwischenräume oft noch so klein, dass sie mit einer Bürste da gar nicht reinkommen, dort können Sie getrost Zahnseide weiterverwenden.  Die Interdentalbürste empfehlen wir in der Regel, um Zahnfleischentzündungen und Parodontitis zu bekämpfen. Die Interdentalbürste entfernt natürlich auch die Plaquebakterien, die Karies verursachen.

Mythos Nr. 3: Die elektrische Zahnbürste ist grundsätzlich besser

Es gibt mittlerweile mehrere Typen elektrischer Zahnbürsten

1. rotierend-oszillierend (z.B. Oral b Plak Control)

2. schallaktiv (z.B. Philips sonicare) 

Der Eine schwört auf den, der andere auf den Typ. Die Wissenschaft sagt, dass beide Typen funktionieren, die rotierend-oszillierende Technik aber immer noch als Goldstandard anzusehen ist. 

Elektrische Zahnbürste vs. Handzahnbürste: Was schneidet besser ab?

Im wissenschaftlichen Vergleich zwischen Hand- und elektrischen Zahnbürsten schneidet die elektrische in der Tat besser ab. Der Mythos stimmt also!

Viele Menschen kommen aber mit der Handzahnbürste so gut klar und zeigen auch in der Prophylaxe, dass sie damit sehr viel Belag entfernen können. Für sie lohnt sich der Umstieg meist nicht. Hinzu kommt, dass die elektrischen Zahnbürsten erheblich teurer sind als Handzahnbürsten und ökologisch schlechter dastehen.

Gerade für Menschen mit wenig manuellem Geschick, Menschen mit Behinderung, älteren Menschen mit Bewegungseinschränkungen ist die elektrische Zahnbürste aber ein wahrer Segen, der beim Verhindern von Karies helfen kann. Im Rahmen der Prophylaxe in der Zahnarztpraxis können Sie gemeinsam mit der Prophylaxefachkraft ermitteln, welche Bürste für Sie am besten ist. Probieren Sie es aus!

Mythos Nr. 4: Die Borsten müssen hart sein!

…denn nur was hart ist, macht richtig sauber! Da wird geschrubbt, was das Zeug hält. Meistens werden  gleich das Zahnfleisch und der Zahnhals mit weggefegt. Auf Nimmerwiedersehen! Wie immer im Leben ist die goldene Mitte wohl der richtige Weg: Nicht zu hart und nicht zu weich sollte sie sein, entscheidend ist, dass Sie mit der Handzahnbürste nicht zu viel Kraft einsetzen, die Borsten abgerundet und das Borstenfeld nicht riesengroß ist.  Versuchen Sie mit wenig Druck kreisende oder rüttelnde Bewegungen durchzuführen, wobei das Zahnfleisch und der Zahn gleichermaßen von den Borsten berührt werden sollte. Bei dieser Technik erreichen die Borsten auch die Eingänge zum Zahnzwischenraum. Ein klares Zeichen von zu viel Putzdruck ist, wenn das Borstenfeld ihrer Zahnbürste schon nach wenigen Tagen wie ein alter Schrubber aussieht. In einer guten Prophylaxesitzung lernen Sie, wie Sie ihre Zahnbürste optimal einsetzen.

Holzzahnbürsten – nachhaltig aber …

aus Hygienegründen sollten Sie Nylonborsten und keine Holzzahnbürsten mit Naturborsten verwenden.

Mythos Nr. 5: Es muss eine Markenzahnpasta sein!

Morgens Aronal, abends Elmex, so hat es uns die Werbung eingetrichtert – und nicht selten auch die Zahnärzte.

Teuer putzt gut. Aber ist das wirklich so?

Vergleichsweise teuren Zahnpasten sind sicherlich gut, aber nicht besser als viele günstige Zahnpasten. Auch wird mit Zahnpasten geworben, die speziell gegen Parodontitis sind-vergessen Sie das, die gibt´s nicht. 

Sie bekommen schon für unter 1 Euro eine gute Zahnpasta mit der gleichen Wirkung: Dabei verwenden alle Zahncremes Putzkörper, Bindemittel, schäumende Substanzen, Konservierungsstoffe, Feuchthaltemittel, Aromen, evtl. antibakteriell wirksame Substanzen, Farbstoffe und last not least: Fluorid! Das Fluorid ist aus zahnmedizinischer Sicht der wichtigste Bestandteil.

Denn wir wissen aus zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen aus Jahrzehnten, dass Fluorid als Salz in der Zahnpasta immer nur  lokal auf der Zahnberfläche wirkt und die oberste Schicht im Zahnschmelz härtet und so widerstandsfähiger gegen den Säureangriff der Kariesbakterien ist. Gegenden mit hoher Fluoridkonzentration im Trinkwasser wiesen in der Bevölkerung eine viel niedrigere Kariesrate auf. Dabei wirkt das Fluorid im Trinkwasser auch nur während es sich in der Mundhöhle befindet und den Zahn umspült, nicht von innen. Dagegen sind alle weiteren Substanzen wie etwaige Kräuterzusätze oder antibakteriell wirksame Substanzen, bedeutungslos. Mehr noch: Diese Zusätze unterliegen Modeerscheinungen und werden häufig nach einigen Jahren kritisch gesehen, wie Zinkzusätze oder Triclosan, und dann wieder vom Markt genommen.

Dabei wird die empfohlene Konzentration von Fluorid regelmäßig überprüft und bei Bedarf angepasst. Es gibt für Kinder, Jugendliche und Erwachsene verschiedene Fluoridempfehlungen, entsprechend unterscheiden sich die Zahnpasten. 

Das Fluorid wirkt also nur durch äußere Anwendung auf den Zahnschmelz. Damit sind aus zahnärztlicher Sicht die Fluoridtabletten für Kinder schon seit 2004 passe. Man dachte Fluorid würde auch von innen bei der Schmelzbildung den Zahnschmelz hart machen. Das passiert leider nicht. Vielmehr ist es so, dass wir der Tablettenfluoridierung „zu verdanken“ haben, dass es Zahnschmelzfluorosen gibt: Damit sind weiße, gelbe bis bräunliche Flecken auf den Zähnen gemeint, welche nicht erwünscht sind. Durch die lokale Anwendung von Zahnpasta kann es keine Schmelzfluorose geben.

In Gebieten, in denen das Trinkwasser eine hohe Fluoridkonzentration aufweist, gibt es noch Fluorosen.

Mythos Nr. 6: Das giftige Fluor!

Schadet Fluor den Zähnen?

Sie finden haufenweise „Fluorkritiker“ im Internet. Dabei behaupten einige, dass Fluor ja hochgiftig sei. Das stimmt – Fluor als Molekül ist hochgiftig, es liegt aber als solches in der Zahnpasta nicht vor, sondern immer als geladenes Teilchen, als Salz. In Form von Fluorid, meistens ist es Natrium- oder Aminfluorid.

Niemand käme beispielsweise auf die Idee, Kochsalz zu verteufeln, nur weil da „Chlor“ drin ist. Das „Chlor“ im Kochsalz liegt nicht als freies Molekül sondern als Chlorid-Teilchen vor und hat nichts mit der Wirkung des gefährlichen Chlorgases gemein.

Sie müssten schon eine ganze Tube Zahnpasta verspeisen, um Krankheitssymptome zu bekommen. Allerdings sehen viele Zahnärzte kritisch, dass Kinderzahnpasta zum Teil süß ist und nach Erdbeere schmeckt. Wir meinen, wir müssen Kindern nicht den Anreiz geben, die Zahnpasta zu essen.

Trinkwasserfluoridierung zur Karieseindämmung ist in unserem Land verboten, in vielen Ländern aber noch gängige Praxis. Fluorid ist in vielen Nahrungsmitteln enthalten. Bei uns erfolgt die Versorgung mit Fluorid hauptsächlich durch fluoridiertes Speisesalz, welches Sie in der Regel im Supermarkt erwerben. 1 mg Fluorid (ein tausendstel Gramm) als Gesamtaufnahme pro Erwachsenen pro Tag ist die empfohlene Dosis. Diese sollte in der Summe aus Zahnpasta, Kochsalz, Leitungswasser und aus Nahrung nicht überschritten werden.

Also ist es in Ihrer Verantwortung, ob Sie auf die Wirkung von Fluorid vertrauen: Wir Zahnärzte empfehlen, mit fluoridiertem Speisesalz zu kochen.

Sie erhalten aber auch mittlerweile fluoridfreie Zahncremes von diversen Anbietern (Bsp. Weleda).  Wenn Sie wenig süß essen und sich perfekt die Zähne putzen (das geht auch ohne Zahncreme), kann es Ihnen gelingen, kariesfrei zu bleiben. Es ist aber wahrscheinlicher, dass Sie den Zahnbelag nicht komplett wegkriegen und doch auch Süßes zu sich nehmen und infolgedessen Karies bekommen. Für Ihr Kind müssen Sie die Verantwortung übernehmen: Ich habe in meinen 20 Jahren als Zahnarzt viele Eltern erlebt, die ihren Kindern gegen meinen Rat nur fluoridfreie Zahncremes gaben und auf diesem Weg viele Löcher in den Gebissen ihrer Kinder verantworten mussten. Dabei hatten sie es doch so gut gemeint. Auf die Frage der Kinder später an ihre Eltern, warum sie ihnen nicht die schützende Zahncreme gaben, bin ich gespannt. Für diese Eltern stellt sich dann jetzt zusätzlich die Frage: Für welchen Reparaturwerkstoff entscheide ich mich? Gold, Keramik, Kunststoff, Amalgam oder Zement? Der beste Werkstoff bleibt immer noch der eigene Zahn. Von den biologischen Auswirkungen ganz zu schweigen, denn kein Reparaturwerkstoff kann als gesund bezeichnet werden. Es ist immer ein mehr oder weniger schlechter Ersatz. Und diese Reparaturwerkstoffe bieten wieder eine große Angriffsfläche für Kritiker jeder coleur und besorgte Eltern.

Nun gibt es neue Zahncremes (Biorepair, Karex), die Wunder versprechen. Zahncremes, die künstlichen Zahnschmelz enthalten und biomimetisch wirken wollen: Damit meint der Hersteller, dass der in der Pasta enthaltene “künstliche Zahnschmelz” mit seinen Hydroxylapatit-Kristallen vorhandene Löcher im Zahnschmelz wieder verschließt. 

Diese Zahncremes enthalten kein Fluorid, weil es den Wirkstoff deaktivieren würde.

Welchen Effekt diese Mikro-Partikel auf den Organismus haben ist noch völlig unklar. Zudem sind diese neuen Zahncremes sehr teuer und der Hersteller empfiehlt gleich, auch noch die entsprechende Zahnmilch mit dem gleichen Inhaltsstoff zu konsumieren! Allein dieses Produkt als „Milch“ zu bezeichnen, empfinde ich verwerflich. Milch ist im allgemeinen ein trinkbares Nahrungsmittel und nicht zum Spülen gedacht. Dabei fällt mir ein Patient ein, den ich seit 20 Jahren betreue: Er hatte nie Karies. Beim letzten Besuch und der Inspektion seiner Zähne mit meiner fünffach vergrößernden Lupenbrille wurde ich stutzig- ich sah Demineralisationserscheinungen in Form von beginnender Karies zwischen seinen Zähnen. Ich fragte ihn, ob er plötzlich sehr süß ist, nur noch Cola trinkt, oder er Medikamente nimmt oder sein Leben irgendwie umstrukturiert hat? Das verneinte er alles. Er sagte nur, dass er seit ca zwei Jahren diese neue fluoridfreie biomimetische Zahnpasta benutze. Ich fiel aus allen Wolken. Das ist zwar keine wissenschaftliche Arbeit aber für mich ein case-Report, eine Einzelfallstudie die aus einer Beobachtung resultiert.

In der Tat fehlen uns darüber die Daten. Ich fühlte mich jedoch bestätigt, dass das Absetzen der fluoridhaltigen Zahnpasta die Entstehung der Karies hier gefördert haben muss. Die beginnenden Kariesstellen, die röntgenologisch schon sichtbar waren, haben wir mit einem Vesiegelungskunstoff (Icon) therapiert. Seitdem benutzt der Patient wieder fluoridierte Zahnpasta und die Kariesprogression ist gestoppt.

Sich die Zähne mit fluoridierter Zahncreme zu putzen ist also der Tribut an unsere moderne Gesellschaft: Wir essen alle viel zu süß und wollen mit unseren eigenen Zähnen älter als 80 Jahre werden. Steinzeitmenschen hatten keine fluoridierte Zahncreme, aßen aber nicht so süß und wurden nichts so alt. Aber selbst bei Ötzi wurde Karies festgestellt und er muss auch an Zahnschmerzen gelitten haben. Ich kann Ihnen nur empfehlen, auf die wissenschaftlich abgesicherten Empfehlungen der Fachgesellschaften zu vertrauen.

Mythos Nr. 7: „Das Loch war plötzlich da!“

Mit dieser Aussage kommen täglich Patienten in unsere Praxis. Meistens bemerken sie das Loch, weil Speisereste jetzt zwischen den Zähnen hängen bleiben und sich eine Zahnfleischentzündung bildet. Dabei hat sich die Karies langsam unter der Schmelzoberfläche gebildet, durch einen kleinen Stichkanal unterhalb des Kontaktpunktes zum Nachbarzahn. Irgendwann war die Zahnkrone soweit unterhöhlt, dass der  Zahnschmelz darüber zusammengekracht ist. Erst jetzt bemerkt der Mensch etwas, dabei nahm das Unheil schon viel früher seinen Lauf. Karies ist immer ein dynamischer Vorgang, das Loch entwickelt sich über Monate bis Jahre. Solange die “Läsion nicht kavitiert ist”, sagen wir Zahnärzte, können wir das ganze zum Stoppen bringen. Nur was heisst das genau? Das bedeutet, solange noch eine Schmelzstruktur da ist, wenn auch geschwächt durch Mineralienentzug, kann diese Struktur wieder aufgefüllt werden durch Mineralien aus Speichel und Zahnpasta. Die Oberfläche muss noch sichtbar intakt sein, wenn auch durch Mikroporositäten durchzogen. Wenn diese beginnende Karies frühzeitig entdeckt wird, dies ist möglich durch Röntgenaufnahmen (Bissflügelaufnahmen), durch hoch vergrößernde Lupenbrillen, durch Anwendung von Kaltlicht oder Spezial-Licht (Laserfluoreszenztechnologie KaVo Diagnodent), kann das Fortschreiten der Karies gestoppt werden. Wir sagen, die Karies wird arretiert und beobachten, ob es zum Fortschreiten der Karies kommt. Dies nennen wir Kariesmonitoring.

Um ganz sicher zu sein, dass das poröse Zahngewebe nicht doch zusammenbricht, gibt es seit ca. zehn Jahren eine in Kiel und Berlin entwickelte Methode, diese fragile Struktur zu stabilisieren: Mit der Icon-Methode wird ein flüssiges Harz in diese Struktur gebracht. Der angegriffene Zahnschmelz saugt dieses Harz (den Icon Infiltranten) auf wie ein Schwamm, welcher dann unter Blaulicht zum Aushärten gebracht wird. Diese Methode ist leider auch keine Leistung der gesetzlichen Krankenkassen und kostet ca € 150,00 pro Zahn.

Früher stocherte der Zahnarzt mit seiner Sonde im Zahnschmelz herum, um Karies aufzuspüren. Diese Vorgehensweise ist heute verpönt. Denn durch das Stochern mit der Sonde wird initiale (beginnende) Karies aufgebrochen und so zu einer behandlungsbedürftigen Kavität (Loch).

Allerdings ist es wesentlich komplizierter, die Karies zu stoppen, “als eben eine Füllung zu machen”. Der Zahnarzt ist dabei auf die enge Mitarbeit des Patienten angewiesen. Der Patient muss eine Verhaltensänderung durchführen: Häufiger und gründlicher Zähneputzen, weniger süß essen und trinken, Zahnzwischenräume reinigen, zur Prophylaxe und zur Zahnreinigung gehen. Leider ist diese enge Mitarbeit, die ich gerade beschreibe, sehr zeitintensiv und wird bislang von den Krankenkassen für Erwachsene kaum bezahlt. Bei Kindern und Jugendlichen schon. Das hat dazu geführt, dass Kinder im bleibenden Gebiss kaum noch Karies haben, wie aus der 5. Deutschen Mundgesundheitsstudie hervorgeht. Der erwachsene Patient erfährt in der Individualprophylaxe im Rahmen der Professionellen Zahnreinigung, wie er seine Zähne gegen Karies schützt. Wir nennen diesen wichtigsten Teil Aktivprophylaxe, weil Sie selber tätig werden müssen.

Mythos Nr. 8: Jeder Schwangerschaft kostet einen Zahn

Das ist natürlich ganz großer Nonsens, an dem aber immer noch einige Mütter festhalten: Ist halt das Kind schuld, dass der Zahn raus musste und nicht ich. Das Kind habe just aus diesem Zahn zu viel Calcium gezogen. Ich frage dann immer, wieso sich das Kind gerade diesen Zahn ausgesucht habe?
Dass in der Schwangerschaft vielleicht sehr viel genascht und wenig geputzt wurde, wird selbstverständlich nicht zugegeben. Vielleicht war es auch reiner Zufall und der Zahn schon vor der Schwangerschaft geschädigt?
Es ist wissenschaftlich belegt, dass das Baby im Bauch der Mutter sein Calcium für den Knochenaufbau nicht aus den Zähnen der Mutter zieht.
Mit dem allgemeinen Rückgang der Karies in Deutschland beobachten wir zudem, dass Schwangere heute nicht mehr Zähne durch Karies verlieren als Nichtschwangere!
Allerdings sind Schwangere sehr viel anfälliger für Zahnfleischentzündung als Nichtschwangere. Auf die “Schwangerschaftsgingivitis” macht meistens schon der Frauenarzt aufmerksam und empfiehlt den Schwangeren, rechtzeitig zum Zahnarzt zu gehen. Eine gute Zahnpflege ist daher in der Schwangerschaft besonders wichtig.

Mythos Nr. 9: Wenn der Zahn erst mal eine Krone hat, kann er keine Karies mehr kriegen!

Einmal Krone und fertig. Kann das gut gehen?

Diese Ansicht ist immer noch weit verbreitet und kaum aus der Welt zu schaffen: Und ich selbst habe Anfang der 90iger Jahre noch von meinem Prothetikprofessor in Kiel gelernt, dass der Kronenrand unterhalb des Zahnfleisches, in der sogenannten kariesprotektiven Zone, liegen soll!

Dies ist heutzutage wissenschaftlich nicht mehr haltbar, so wogen sich doch viele Patienten mit Kronen in Sicherheit. Ein überkronter Zahn kriegt natürlich auch Karies, und zwar am Kronenrand. Auch unterhalb des Zahnfleisches. Wenn dort nicht geputzt wird und die Kariesbakterien Zucker kriegen. Eine Krone gibt dem Zahn ein stabiles Korsett, er kann zumindest nicht so schnell durch Karies zusammenbrechen, war wohl der Gedanke. Teilweise wurden Kronen als die besseren Zähne angesehen und weil doch die Krankenkasse früher alles bezahlt hat, wurden gerne alle Zähne überkront- auch die, die es eigentlich nicht nötig hatten. Selbst Unterkieferschneidezähne, die eigentlich nie eine Krone brauchen. Aus heutiger Sicht unglaublich. Wir Zahnmediziner werden heute so ausgebildet, möglichst viel Zahnsubstanz zu schonen. „Wegen der Optik“ sagten Zahnärzte und Patienten, wurden die Zähne früher sogar für Kronen abgeschliffen. Abschleifen klingt dabei so künstlerisch, dabei wird der Zahn bei dieser Aktion massakriert. Der gesamte Schmelzanteil wird abgetragen und die Leute bekamen regelmäßig einen Schreck, wenn sie das sahen. Jeder Zahn ist ein Organ und sollte nicht leichtfertig beschädigt werden. Das Abschleifen führt nicht selten dazu, dass der Zahnnerv darunter traumatisiert ist und im Laufe der Jahre unter der Krone abstirbt. Zähne müssen heutzutage auch noch überkront werden, aber erst wenn ein Großteil des Zahnschmelzes verlorengegangen ist, ist eine Überkronung angezeigt.

Gerne wurden früher diese künstlichen Zahnkronen dann untereinander verbunden – wir sagen verblockt. Eine Reinigung wurde dadurch noch schwieriger. Dann fiel es noch viel später auf, wenn der Zahn darunter weggegammelt war. Wenn der Zahn dann weh tat, wurde die Krone durchbohrt und eine Wurzelbehandlung gemacht. Dann tat der Zahn auch nicht mehr weh. Das Zahnfleisch und die Zahnwurzel drumherum sind dann meist in einem katastrophalen Zustand. 

Und immer wieder sagen Patienten zu mir: „Herr Doktor, ich spare jetzt ein bisschen und dann machen wir da in zwei, drei Jahren neue Kronen drauf und alles ist gut!“ Den Menschen ist nicht bewusst, dass sie im Spiegel nicht “Ihre Zähne” sehen, sondern sie sind geblendet von mit Keramik verblendeten künstlichen Kronen. Und zugegebenermaßen: Uns Zahnärzten und Zahntechnikern gelingt es immer besser, die Natur zu imitieren. 

Wenn das nicht mehr funktioniert, zünden wir Zahnärzte die Stufe 2 der Verblendung: Jetzt gehts los mit Implantaten und Brücken…und Prothesen! Warum das alles so ist, beschreibe ich in Mythos 10, dem Finale!

Mythos Nr. 10: Jeder Zahnarzt fährt einen Porsche!

Diese Zeiten sind lange vorbei. Die Vergütung für zahnärztliche Leistungen – gerade im privatzahnärztlichen Bereich – ist in den letzten Jahren immer weiter gesunken. Zahnarztpraxen sind mittlerweile moderne Dienstleistungszentren. Vorbei sind die Zeiten des unantastbaren Weißkittels, der die Behandlung alleine bestimmt. Der Patient wird mehr und mehr in die Therapie einbezogen und wir Zahnärzte bereiten der Bevölkerung den Weg in eine auf Vorbeugung orientierte Zahnheilkunde. So gut wie jede Zahnarztpraxis verfügt über eine Prophylaxeabteilung, in der zahnmedizinische Fachkräfte Zähne reinigen und Patienten zu noch mehr Zahnpflege motivieren. Dies ist größtenteils noch keine Kassenleistung und die Kassen und der Gesetzgeber tun sich mit Änderungen schwer, obwohl von unserer Bundeszahnärztekammer neue präventive Konzepte vorgelegt wurden. 

Dass in Deutschland mehr repariert als vorgebeugt wird, liegt aber auch an unserem Honorarsystem, welches hauptsächlich auf eine invasive Therapie ausgerichtet ist. Das muss sich ändern.

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