Stiftung Warentest Für jeden Winkel?

Interdentalbürste oder ZahnseideStiftung Warentest und die Zahnseiden-Lüge

zuletzt aktualisiert am 28. August 2020 von Ankerzahn Redaktion

Es hat sich mittlerweile herumgesprochen: Wir müssen auch die Zahnzwischenräume reinigen. Doch wie? Interdentalbürsten, Zahnseide oder geht es auch mit einer Munddusche?
Die Stiftung Warentest hat in der Ausgabe vom März 2020 einen Test veröffentlicht. Wir waren verblüfft und entsetzt. So behauptet die Stiftung Warentest doch tatsächlich, Zahnseide sei am besten geeignet.

Hier das Original-Zitat:
Seide reinigt am Besten”
„Alle sieben Zahnseiden auf der Rolle schneiden bei diesem Test gut ab. Sie reinigen die Zahnzwischenräume etwas besser, als die anderen Hilfsmittel.“

Ankerzahn e. V. findet: Das ist von der Stiftung Warentest äußerst fahrlässig. So geht man nicht mit der Gesundheit der Menschen um. Sie setzt sich über die offiziellen Leitlinien der EFP hinweg und ignoriert zusätzlich die komplette Studienlage.

„Allerdings reinigen die Interdentalbürsten mit Abstand am besten.“
– Prof. Christoph Dörfer

Bereits im Sommer 2016 rauschte es durch die deutsche Presselandschaft: Ist Zahnseide wirkungslos? Der Hintergrund: Die USA hatte die Empfehlung zur Nutzung von Zahnseide in den offiziellen Gesundheitsrichtlinien gestrichen. Es gab keine Belege für die Wirksamkeit. In einem Spiegel Artikel wird Prof. Christof Dörfer, Chef der Parodontologie in Kiel, befragt und sagt: „Zahnseide ist ohnehin nicht mehr das, was Zahnärzte zur Pflege der Zahnzwischenräume zuerst empfehlen. Stattdessen wird inzwischen zu Interdentalbürsten geraten, wenn zwischen den Zähnen genug Platz ist, sie einzusetzen.“

Deutlich wird es bei den Leitlinien der EFP (European Federation of Periodontology). Das ist der Dachverband sämtlicher Parodontologie-Gesellschaften, aus immerhin 25 Ländern. Hier ein Auszug:

„Es gibt aber keine Evidenz, um den Gebrauch von Zahnseide für die Reinigung der Zahnzwischenräume bei den Patienten mit Parodontitis zu empfehlen. Interdentalraumbürsten sind die wirksamste Methode und das Mittel der Wahl an Stellen, die eine atraumatische Anwendung erlauben.“

25 Länder, ein Urteil. Und das bereits vor 4 Jahren. Es ist schon erstaunlich, dass die Stiftung Warentest da einfach drüber weg geht. Sie hätte auch einfach mal jemanden kurz recherchieren lassen können, was denn die Studienlage zum Thema Zahnseide versus Interdentalbürste hergibt: “Die Mehrzahl der Studien zeigte einen positiven signifikanten Unterschied im Plaque-Index bei Verwendung der Interdentalbürste im Vergleich zu Zahnseide.”

Hier eine interessante Studie, bei der Probanden die eine Hälfte ihres Gebisses mit Zahnseide, und die andere Hälfte mit Interdentalbürsten gereinigt haben. Über einen Zeitraum von 4 Wochen. Es wurde allerdings nicht klar, ob die Probanden eine Mundhygiene-Instruktion bekommen haben oder nicht. Das Ergebnis:
“Interdentalbürsten entfernen nachweislich signifikant mehr Plaque als Zahnseide.”
Und noch wichtiger: “Die Analyse zeigte, dass die Verwendung von Interdentalbürsten zu einer größeren Taschenreduktion führte.” Dazu gibt es auch noch weitere Ergebnisse.

Interdentalbürsten in verschiedenen Größen von Oral Prevent©
Fast jeder braucht mehrere, verschiedene Größen für seine Zwischenräume | Bildrechte Oral Prevent©

Dass eine Bürste besser reinigt als ein Faden ist im Grunde auch logisch. Der Sinn aller Zahnpflege ist es Plaque zu entfernen. Diesem klebrigen Belag ist mit Borsten viel leichter beizukommen als mit einer Schnur. Zudem haben Zähne Rundungen und Wölbungen. Ein gespannter Faden kommt da zwangsläufig nicht überall hin.

Stellen Sie sich einfach mal vor, Sie hätten keine Zahnbürsten sondern nur Zahnseide. Jetzt sollen Sie Ihr ganzes Gebiss mit einem Faden reinigen, also Außenfläche, Innenfläche und Kaufläche. Wer hätte da ein gutes Gefühl? Genauso wie unsere Zähne von außen nicht glatt sind, so sind sie auch in den nicht sichtbaren Bereichen rau und wellig.

Wie kommt die Stiftung Warentest auf ihr Ergebnis?

Es ist wirklich erstaunlich, dass die Stiftung Warentest sich nicht die Mühe gemacht hat, sich auf den neuesten Stand der Wissenschaft zu begeben. Dies wäre aber zu erwarten, bei einer so alt ehrwürdigen Organisation, die eine hohe Glaubwürdigkeit genießt und großen Einfluss auf das Konsumverhalten der Verbraucher hat.

Die Stiftung Warentest hat einfach alle Erkenntnisse und Experten ignoriert und stattdessen ihren eigenen, isolierten Test gemacht. Die Vorgehensweise bei dieser „Untersuchung“ war weit von realen Bedingungen entfernt:
Ein Zahnarzt hat an einem künstlichen Gebiss-Modell die Reinigungsleistung der verschiedenen Werkzeuge getestet. Dazu waren die (Kunst-)Zähne mit Titandioxid beschichtet. Ein weißes Pulver, was als Pigment verwendet wird. Dieses Pulver hat mit echtem Zahnbelag (Plaque) keine Ähnlichkeiten. Die künstliche Versuchsanordnung hat lächerlich wenig mit der Realität im Mund zu tun. Genauso gut hätten sie verstaubtes Besteck reinigen können.

Wer jetzt denkt „Na und? So wichtig ist das ja alles nicht. Es geht doch nur um die Zahnzwischenräume!“, der irrt sich gewaltig. Die Reinigung der Zahnzwischenräume ist für unsere Gesundheit viel wichtiger, als es den Menschen bewusst ist. Und auch das hätte die Stiftung Warentest leicht herausfinden können, wenn sie recherchiert hätte:
In Deutschland hat jeder zweite Erwachsene Parodontitis. Das ist eine chronische Entzündung unseres Kieferknochens die wir erstaunlicherweise nicht bemerken.
Die Hälfte der Bevölkerung läuft mit einer chronischen Entzündung im Mund herum, das hat gravierende Auswirkungen. Denn die Bakterien aus den Zahnfleischtaschen verteilen sich nachweisbar im ganzen Körper und verursachen dort erschreckend viele Gesundheitsgefahren.

Aber auch Karies entsteht mittlerweile bevorzugt zwischen den Zähnen. Beide Erkrankungen werden durch Bakterien verursacht und alleine diese beiden sind für 95% der Zahnschäden verantwortlich. Es ist wirklich sinnvoll, sich eine Entzündung im Mund zu ersparen. Dafür reicht aber die Zahnbürste allein nicht aus.

Für die Zahnzwischenraumpflege gilt

  1. Interdentalbürsten sind die erste Wahl. Dennoch gibt es keine pauschale Empfehlung für die Zahnzwischenraumpflege, jedes Gebiss ist anders.
    Ohne Mundhygiene-Instruktion bei einem Profi, ist es der Mehrheit der Menschen gar nicht möglich, sich das Gebiss so zu reinigen, dass sie mundgesund bleiben.
  2. Zahnseide ist die zweite Wahl. Es gibt tatsächlich einige Menschen, die Zahnseide verwenden müssen. Ganz einfach, weil bei Ihnen die Interdentalbürsten nicht passen.
  3. Die sogenannten Soft Picks (Interdentalbürsten ohne Draht und ohne Borsten) sind noch überhaupt nicht auf ihre Wirksamkeit geprüft, und sind deshalb sehr fragwürdig. Auch bei Mundduschen und Zahnhölzern konnte man bislang noch keine Wirksamkeit nachweisen.
Kieler Urgestein: "Diese Bürste sollt ihr nutzen!"

Ohne Schulung zur Zahnzwischenraumpflege geht es nicht

Wir kriegen die größte Volkskrankheit in Deutschland nur in den Griff, wenn auch die Zahnarztpraxen mitmachen. Leider bekommt man nicht überall die notwendige Mundhygiene-Instruktion (Zahnputz-Schulung). Dies hat auch unsere eigene Umfrage ergeben: Mittlerweile haben über 1000 Menschen mitgemacht und bei der Frage, ob die Größen der Interdentalbürste ermittelt wurden, haben nur gut 20% auf “Ja” geklickt. Nur jede 5. Zahnarztpraxis.

Dabei ist es ein ganz wichtiger Schritt die richtigen Größen zu ermitteln, und auch ob und wo Zahnseide verwendet werden muss. Anders als in Dänemark wird die Mehrheit der Bevölkerung hier im Stich gelassen. Das liegt auch daran, dass die Krankenkassen hauptsächlich für das Reparieren zahlen und weniger für die Prophylaxe. In Dänemark ist es andersherum. Die skandinavischen Länder sind da einfach weiter. Bei uns werden nicht einmal wissenschaftliche Studien gemacht, die die Wirkung der Mundhygiene-Schulung zeigen. In Schweden schon:

Eine Studie aus dem Jahr 2020 (also ganz aktuell) die immerhin 3 Monate lang lief, kommt zu eindeutigen Ergebnissen. 44 Patienten mit schwerer Parodontitis wurden in zwei Gruppen eingeteilt. 22 Patienten bekamen zusätzlich zur üblichen Parodontose-Behandlung eine intensive Mundhygiene-Schulung mit mehreren Recall-Terminen (genauso wie wir das fordern). Den anderen 22 Betroffenen wurden, was ihre Mundhygiene betrifft, nur Ratschläge erteilt. Also keine Schulung.

Das Ergebnis war eindeutig:
Während in der Gruppe mit Mundhygiene-Instruktion alle 22 Teilnehmer eine deutliche Besserung ihres Gesundheitszustands verzeichneten, war das bei den 22 sich selbst Überlassenen nicht der Fall. Tatsächlich konnte dort nicht ein einziger seinen Zustand verbessern. Ein klares Ergebnis.

Auf ganzer Linie gescheitert

Schlimm genug, dass die Stiftung Warentest Zahnseide als gründliches Werkzeug herausstellt. Noch schlimmer ist aber, so zu tun als ob man ohne Hilfe herausfinden könnte, wie man seinen Interdentalraum richtig pflegt.

Darin sind sich die 25 Staaten als Mitglied der EFP auch einig:
“Die professionelle Mundhygiene-Instruktion, die individuell dem Patienten angepasst wird, ist unerlässlich, um den Patienten zu befähigen, das notwendige Niveau an Zahnreinigung erreichen zu können. Das sollte am besten direkt im Mund des Patienten demonstriert und die Umsetzung kontrolliert werden, bevor der Patient die Praxis verlässt. Diesen Maßnahmen muss eine ausreichende Zeit im Behandlungsplan eingeräumt werden.”

Und vielleicht sogar das Schlimmste beim Bericht der Stiftung Warentest:
Es geht hier immerhin um die größte Volkskrankheit in Deutschland und das wird überhaupt nicht erwähnt. Nur Prof. Dr. Bizhang spricht in dem Interview beim Stiftung Warentest Artikel davon. Aber sonst: Kein Wort warum die Zahnzwischenraumpflege so wichtig ist. Stattdessen schreibt die Stiftung von Apfelstücken die zwischen den Zähnen stören.

Es bleibt uns daher nur eines: Der Test über die Interdentalraumpflege „Für jeden Winkel“ vom März 2020 bekommt von uns die Note: ungenügend.

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