Ist die professionelle zahnreinigung wirklich eine sinnvolle Lösung gegen parodontitis?

Die PZR – ohne Mundhygieneschulung ist sie nicht nachhaltig Wir wiegen uns in falscher Sicherheit

Millionen Deutsche gehen ein bis zweimal jährlich zu ihrem Zahnarzt, um eine professionelle Zahnreinigung (PZR) “machen zu lassen”. Dabei sitzen viele der Illusion auf, dass sie dadurch wieder für einen Zeitraum gegen Parodontitis und Karies geschützt sind. Was noch zwingend dazu gehört, erfahren Sie hier.


Von Dr. Volker Storcks und Wassiliki Ioanna Daskalaki


Es ist wünschenswert, dass die Zähne mehrmals pro Jahr richtig durchgereinigt und insbesondere von Zahnstein und hartnäckigen Auflagerungen befreit werden. Die „gefährlichen“ Bakterien, die Zahnfleischentzündung und Karies auslösen, sind aber immer im Mund und können nicht eliminiert werden. 24 Stunden später beginnen sie als mikrobieller Biofilm die Zahnoberflächen zu besiedeln. Dabei gibt es eine besondere Balance, die durch verschiedene Faktoren ins Wanken gerät.

Eine Professionelle Zahnreinigung drückt lediglich „den Reset-Knopf“, sodass sich diese Balance erneut einstellen kann. Wenn Sie den Großteil der Bakterien und Essensreste nicht selbst täglich von Ihren Zähnen entfernen, kippt diese Balance wieder, die aggressivsten Bakterien nehmen Überhand und Sie müssten schon wenige Tage später wieder zur PZR (= professionelle Zahnreinigung).


Im Rahmen der PZR sollte daher immer, mindestens aber in den ersten Sitzungen, bis sie „den Dreh raushaben“ mit Ihnen die häusliche Mundhygiene individuell optimiert werden. Dazu gehört eine „Ist-Analyse“, die Auswahl und Handhabung der für Sie passenden Zahnbürste und insbesondere auch das Üben mit dem, zugegeben nicht immer einfachen, Umgang mit Interdentalbürsten und gegebenenfalls Zahnseide.

Dieses Verfahren geht klar aus den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Parodontologie und der European Federation of Periodontolgy (EFP) hervor. Das Zeigen am Modell reicht eindeutig nicht! Gemeinsam muss geübt werden, bis Sie auch alle Zahnzwischenräume selbstständig mit den Interdentalbürsten reinigen können. Wir haben für diesen wichtigsten Teil der PZR den Namen "Aktivprophylaxe" eingeführt.


Leider ist der Ist-Zustand in manchen deutschen Praxen oft anders:


Patient setzt sich zumeist passiv in den Behandlungsstuhl und lässt sich nur seine Zähne reinigen. Ihm ist nicht bewusst, dass eine Mundhygieneschulung sein Mundgesundheit im Wesentlichen verbessern könnte. Woher denn auch? Diese Schulung wird einem Erwachsenen eventuell nicht einmal mehr angeboten, um ihn nicht „peinlich zu berühren“. Aber es sollte niemandem peinlich sein müssen, über dieses Thema zu sprechen, weder dem Personal, noch dem Patienten. Denn diese Vorgehensweise ist auf Dauer nicht nachhaltig und wir Zahnärzte wissen das. 

In der Prophylaxesitzung sollten alle Zahnbeläge durch Plaqueanfärbemittel sichtbar gemacht werden. Dies geschieht entweder durch blaue Anfärbelösung, die allerdings bei versehentlicher Kontamination mit Kleidung schwer entfernbar ist, also ist immer Vorsicht geboten. Neuerdings sind fluoreszierende Anfärbelösungen auf dem Markt (z.B von Empident: https://empident.de) welche Beläge eindrucksvoll mit blauem Licht sichtbar machen und auf Kleidung auswaschbar ist. Die meisten Anbieter, wie Empident auch, bieten auf ihrer Homepage Anfärbekits für zu Hause an, sodass der Patient zu Hause den Erfolg seiner Putztechnik selbst überprüfen kann. Teilweise können Sie solche Kits auch in Ihrem Drogeriemarkt um die Ecke erwerben.


Zahnarzt-Werkzeuge

Selbst ist die Bürste


Das bedeutet also, Sie als Patient müssen in der Prophylaxe viel aktiver werden und in einer guten Zahnarztpraxis wird Ihnen beigebracht, wie Sie Ihre Zähne täglich so pflegen, dass Sie nicht mehr an Karies oder Parodontitis erkranken. 90% an Zahngesunderhaltung erbringen Sie selbst, nur 10% die Zahnarztpraxis, das muss Ihnen bewusst werden.

Lassen Sie sich Ihren Zahnfleischzustand bei jedem Zahnarztbesuch in Ihren ParoPass® eintragen, so behalten auch Sie stets die Übersicht, nicht nur Ihre Praxis. Ein weiterer Vorteil: Bei Zahnärzten, die Sie mit einem ParoPass® ausstatten, können Sie sicher sein, dass Sie eine PZR erhalten, wie sie in den Richtlinien definiert ist, denn das ist Teil der ParoPass®-Vision.

Natürlich gibt es auch Praxen, die nicht an diesem Programm teilnehmen und trotzdem allen Richtlinien entsprechen. Sprechen Sie diese Praxen doch gern auf den ParoPass® an. Sie kennen ihn wahrscheinlich einfach nur noch nicht, da wir keine teure Marketing-Offensive betreiben, denn das hätte zur Folge, dass Sie der ParoPass® etwas kosten würde und nicht Teil des Praxis-Service wäre.


Relevante Literatur:

Lang NP, Mombelli A, Attstrom R. Oral Biofilms and Calculus. In: Lindhe J, Lang NP, Karring T, editors. Clinical Periodontology and Implant Dentistry. 5th ed. Oxford: Blackswell- Munksgaard; 2008. pp. 183–267.

Chandki R, Banthia P, Banthia R. Biofilms: a microbial home. J Indian Soc Periodontol. 2011;15(2):111–114. doi: 10.4103/0972-124X.84377

„The role of a dentist extends much beyond the removal of biofilms but encompasses educating and motivating the patient to do so. This would go a long way in creating and maintaining a disease-free oral environment.“


Lesen Sie auch: Die Zahnseidenlüge- Wie sinnvoll ist das Reinigen mit einem Faden zwischen den Zähnen?


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Comments

  1. Ihr Artikel ist sehr gut und nützlich für meine tägliche Arbeit, genau so, wie der ParoPass, den ich kürzlich in der ZM entdeckt habe und jetzt endlich bestellt habe. So etwas müssten eigentlich die Interessenvertreter der Patienten- die Krankenkassen verteilen, denn es ist Prophylaxe pur und schon das Budjet der Versicherer!

    Freundliche kollegiale Grüße und vielen Dank für Ihre Arbeit!

  2. Sehr geehrte Frau Burghardt,
    wir haben uns über Ihr Statement sehr gefreut. Dadurch sehen wir uns in unserer Arbeit bestätigt.
    Vielen Dank
    Volker Storcks

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