Parodontitis, Parodontose

Warum ist Parodontitis (Parodontose) so häufig?

Parodontitis (Parodontose) ist mit Abstand die häufigste Krankheit in Deutschland. Das geht aus den Daten der aktuellen Mundgesundheitsstudie hervor: Ab einem Alter von 35 Jahren sind bereits 52% der Menschen von Parodontitis betroffen, bei den Senioren sind es fast 75%.

Diese Krankheit ist nicht harmlos: Sie zerfrisst unseren Kieferknochen, bis die Zähne ihren Halt verlieren. Die gesamte Wundfläche des entzündeten Zahnfleisches kann die Größe einer Handfläche erreichen. Das sehen wir nicht, da sich die Entzündung vor allem in den Zahnfleischtaschen befindet. Es erstaunt daher nicht, dass auch der restliche Körper in Mitleidenschaft gezogen werden kann. Doch warum ist diese Krankheit immer noch derart häufig? Unsere Zahnhygiene ist nachweisbar besser geworden, viele gehen sogar regelmäßig zur professionellen Zahnreinigung. Doch die Volkskrankheit geht nur schleppend zurück.

Selbst der Steinzeitmensch Ötzi (ca. 3000 v. Chr.) hatte Parodontitis. Und das ist nicht erstaunlich, im Gegenteil: Ötzi war wohl schon 45 Jahre alt, und damit ein Senior zu seiner Zeit. Durch Schädelfunde wissen wir: Parodontitis gab es schon immer, und schon immer waren eher die Älteren betroffen, also ab einem Lebensalter von 30 Jahren.
www.aerzteblatt.de/nachrichten/59386/Oetzi-hatte-Parodontitis

Es hat den Anschein, als ob es sich um eine normale Alterserscheinung handelt. Daher stammt auch der ursprüngliche Name: Parodontose. Eine Art Knochenschwund ähnlich wie bei der Osteoporose, also ohne Entzündung. Leider gibt es immer noch Zahnärzte, die diese Krankheit als unvermeidlich ansehen und viele Menschen denken, dass es normal ist im Alter die Zähne zu verlieren. Doch heute wissen wir: Parodontitis ist eine chronische Entzündung. Daher auch die Endung -ITIS; sie steht immer für eine Entzündung. Wie aber ist es möglich, dass am Ende drei Viertel der Menschen diese Erkrankung bekommen?

Eine chronische Entzündung als normale Alterserscheinung?

Als vor ca. 125 Millionen Jahren die Säugetiere entstanden, betrug die Lebenserwartung dieser Tiere nur wenige Jahre. Säugetiere sind evolutionär für ein Leben bis zu maximal 30 Jahren ausgelegt – das gilt eben auch für die Zähne.

Tatsächlich gibt es nur ganz wenige Säugetierarten, die älter als 30 Jahre werden.
Dies sind zum Beispiel Elefanten oder Wale. Die haben allerdings auch nicht mehr das typische Säugetiergebiss. Dann gibt es noch die Gruppe der Primaten, zu denen wir auch gehören. Schimpansen, Gorillas und Orang Utans werden in der freien Wildbahn allerdings nur in Ausnahmefällen älter als 30 Jahre. Das galt bis vor 10 000 Jahren auch für den Menschen. Menschliche Fossilien aus der Steinzeit zeigen: Nur wenige schafften es bis zu einem Alter von 40 Jahren zu überleben, und noch viel weniger darüber hinaus. Und richtig, die “Alten“ hatten oft Parodontitis, so wie Özti, der ca. 45 Jahre alt wurde.
Eine Schwachstelle im Mund

„Die Zähne durchbrechen die Schleimhaut (…), damit ist es die einzige Stelle im Körper, in der natürlicherweise ein Loch in der (Schleim-)Haut entsteht.“ – Prof. Dr. Dörfer (Direktor der Parodontologie, Kiel)

Ein Loch in der Haut? Tatsächlich liegt es in der Natur der Sache, dass unsere Zähne unsere Schleimhaut durchbrechen müssen. Es geht nun mal nicht anders. Der ganze restliche Körper ist überall von unserer Haut, bzw. Schleimhaut umgeben und das ist wichtig: Auf diese Weise grenzen wir uns von der Außenwelt ab. Diese Barriere schützt uns vor allem vor Krankheitskeimen. Nur im Mund gibt es ein Loch, bzw. 32 Löcher.

In gewisser Weise sind Zähne eine Art Knochen, die aus dem Körper heraustreten. Unser Zahnfleisch dichtet diese “Löcher“ ab. Ähnlich wie der Fensterkitt die Glasscheibe. Jeder Zahn ist daher rundum von Zahnfleisch umgeben, und die Löcher damit gestopft. Das funktioniert auch recht gut, unser Zahnfleisch haftet so fest am Zahn, dass da nichts durch kommt.

Allerdings befindet sich diese evolutionäre Schwachstelle an einem ungünstigen Ort. Denn der Mund ist dicht besiedelt von Bakterien. Hier ist es warm, feucht und vor allem: Es gibt regelmäßig etwas zu essen. Daher können die Mikroben gut gedeihen und eine Kolonie bilden. Diese Kolonie wird Plaque, Zahnbelag oder auch Biofilm genannt. Für unsere Zähne gilt: Erst wenn die Bakterien eine Kolonie (Plaque) bilden, können sie uns gefährlich werden.

Stoppt Parodontitis - Was hilft wirklich?

Klar ist: Ohne regelmäßige Reinigung bekommt man irgendwann zuerst eine Zahnfleischentzündung, und dann eine Parodontitis. Es ist eine Frage der Zeit.

Es beginnt in den Zahnfleischfurchen

Das Zahnfleisch, das jeden Zahn umgibt, hat am oberen Rand eine sogenannte Furche, auch Sulcus genannt. Jeder Zahn ist also rundum von dieser Furche umgeben. In dieser Nische können sich Bakterien besonders gut ansiedeln. Deshalb entsteht dort diese Kolonie (Zahnbelag oder Plaque genannt).
Zahnfleischfurchen sind also so etwas wie die Fugen beim Altbau-Dielenboden: Ein geschütztes Biotop, wo das „Leben“ eine Nische findet. Glücklicherweise reinigen wir die Furchen beim Zähneputzen, auch wenn uns das nicht bewusst ist.

Wir putzen nicht nur die Zähne, sondern eben auch den oberen Teil des Zahnfleisches. Es passiert fast zwangsläufig, wenn wir uns halbwegs normal unser Gebiss bürsten.
Der Haken ist nur: die Furchen gehen rund um den Zahn! Vor allem die Zahnzwischenräume der Backenzähne bleiben bei der Mehrheit vollkommen ungeputzt. Dort gedeiht der Biofilm dann natürlich prächtig.

Kiefer 3D
Plaque in den Zahnfurchen ist das Problem | © Ankerzahn e. V.

Deshalb können die Bakterien hier ungestört wachsen, und verursachen bei der Mehrheit früher oder später eine Zahnfleischentzündung. Die Zahnärzte sprechen dann von einer Gingivitis. Da sie zwischen den Zähnen liegt, wird sie auch nicht bemerkt: Kein Zahnfleischbluten oder sonstige Hinweise.
Noch ist das kein Problem, noch ist es harmlos. Aber: Die Bakterienkolonie arbeitet sich über viele Jahre immer weiter in das Zahnfleisch hinein. Aus Furchen entstehen die sogenannten Zahnfleischtaschen.

Zahnfleischtaschen sind gefährlich

Die Gingivitis (Zahnfleischentzündung) verursacht, dass die Haftung des Zahnfleisches am Zahn nachlässt. Damit ist das “Loch“ am oberen Rand nicht mehr ganz abgedichtet und es sind Zahnfleischtaschen entstanden. Davon bemerken wir nichts, und die Taschen sind auch zunächst nicht schlimm. Für die Bakterien ist das aber ein großer Unterschied: Ihr Lebensraum vergrößert sich. In der neu entstandenen Nische können sie eine größere Kolonie bilden, und die Entzündung beschleunigt sich.
Die Speisereste, die zwangsläufig bei jeder Mahlzeit im Zahnzwischenraum hängen bleiben, versorgen die Bakterien zuverlässig mit Nahrung.

Sondierung Zahnfleischtaschen
Mit einer Sonde werden die Tiefen der
Zahnfleischtaschen gemessen. | © Ankerzahn e. V.

Die Zahnfleischtaschen vergrößern sich mit der Zeit. Sind sie ca. 3,5 mm tief, erreicht der untere Taschenrand den Kieferknochen. Jetzt überträgt sich bei der Mehrheit der Bevölkerung die Entzündung auf den Kieferknochen. In diesem Knochen sind die Zähne fest verankert. Er ist der wesentliche Teil des “Zahnhalteapparats“, auch Parodont genannt. Nun ist also auch der Zahnhalteapparat entzündet. Ab jetzt liegt eine Parodontitis vor – die evolutionäre Schwachstelle wurde durchbrochen, mit dramatischen Folgen.

Knochenentzündung mit Folgen

Indem die Entzündung vom Zahnfleisch auf den Kieferknochen überspringt, ist sie in den Körper eingedrungen. Die Schutzbarriere ist durchbrochen, die Schwachstelle der Evolution geknackt. Wie oben beschrieben, ist das bereits bei 52% der 35-Jährigen der Fall. Die Wenigsten sind sich dessen bewusst.

„Parodontitis ist eine Volkskrankheit, die noch immer viel zu selten oder zu spät erkannt und behandelt wird“ – Prof. Dr. Bettina Dannewitz (Präsidentin der DG Paro) 

Ein wichtiger Grund, warum die Krankheit viel zu spät erkannt wird, ist die Tatsache, dass sie so “normal“ ist. Die alte Bezeichnung Parodontose geht darauf zurück, dass man glaubte, es handle sich um eine Alterserscheinung.
Aus dem Grund ist der ParoPass® ein wichtiges Dokument, wodurch jeder sieht: Bin ich betroffen oder nicht. Das Immunsystem kämpft nun gegen die eingedrungenen Bakterien und durch diese Entzündung wird der Kieferknochen abgebaut. Im wahrsten Sinne des Wortes frisst sich die Parodontitis in uns rein.

Das Verrückte dabei: Diese Knochenentzündung verursacht keine Schmerzen, und oft auch kein Zahnfleischbluten. Versteckt zwischen den Backenzähnen dringt sie heimlich in unseren Knochen und wir bemerken nichts. Diese chronische Entzündung läuft oft über Jahrzehnte unbemerkt. Rauchen beschleunigt den Prozess, eine schlechte Ernährung wohl auch. Tatsächlich wird die Krankheit typischerweise erst im fortgeschrittenen Stadium bemerkt. Dann ist es aber oft zu spät, und die Parodontitis nicht mehr heilbar.

Dafür gibt es Millionen Beispiele. Bei der individuellen Risikobewertung sind sich die Experten einig: Die persönliche Veranlagung ist der Hauptfaktor. Einen Hinweis kann die Familie liefern: Haben ältere Familienangehörige Zahnausfall und tragen Zahnprothesen, dann hat man selbst ein hohes Risiko. Allerdings: Am Ende sind nachweisbar drei Viertel der Bevölkerung betroffen. Es macht also bei Jedem Sinn, spätestens ab 25 Jahren mindestens einmal, (besser 2-mal) im Jahr mit dem ParoPass® in die Zahnarztpraxis zu gehen. Sie können bei uns kostenlos drei ParoPässe bekommen, wenn Sie diese Umfrage hier mitmachen:

Der Knochen kommt nicht zurück

Die Parodontitis ist also im Wesentlichen eine Knochenentzündung. Unbemerkt verschwindet ein Teil des Kieferknochens, und zwar für immer. Dieser Prozess geht über Jahre bis Jahrzehnte, ohne dass wir davon etwas ahnen.

„Wenn die Parodontitis Schmerzen verursachen würde, hätte ich viele weinende Patienten im Wartezimmer.“ – Dr. Michael Brandt Präsident der Zahnärztekammer Schleswig-Holstein.

Symptome wie Zahnfleischbluten, Zahnfleischrückgang, schlechter Atem oder gar wackelnde Zähne können zwar auftreten, müssen aber nicht. Wichtig ist zu wissen, dass es gar nicht möglich ist, die Parodontitis selbst zu erkennen – das kann nur die Zahnarztpraxis, eine Dentalhygienikerin oder eine Zahnärztin.

Erst im deutlich fortgeschrittenem Zustand wird in der Regel die Parodontitis von den Betroffenen bemerkt. Nun hat sich oftmals schon so viel Knochenmasse abgebaut, dass der Prozess nur noch schwer, und mit hohem Aufwand zu stoppen ist. Erst dann treten Schmerzen auf – erst dann wackeln die Zähne. Es wird immer schwerer die Krankheit zu stoppen, bis es gar nicht mehr möglich ist. So bleibt dem Zahnarzt nur noch das Ziehen der Zähne. Den Betroffenen wird meistens erst jetzt klar, dass sie nicht nur ihre Zähne, sondern auch eine beträchtliche Menge Knochenmasse verloren haben.


Gesunder Kiefer
Bildquelle: Thieme Verlag


Kiefer mit Parodontitis
Bildquelle: Thieme Verlag

Das ist bei Implantaten ein häufiges Problem, denn auch künstliche Zähne brauchen Halt. Das allein ist schon gravierend genug, doch es kommt noch schlimmer. Studien legen den Verdacht nahe, dass Parodontitis noch weitere ungünstige Auswirkungen auf den Körper hat: Vor allem das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko wird erhöht.
In Hamburg läuft derzeit eine groß angelegte Studie (Hamburg City Health Study 2019) mit 45.000 Teilnehmern. Unter anderem werden dort die Auswirkungen der Parodontitis auf unser Gefäßsystem untersucht. Neueste Untersuchungen haben ergeben, dass Parodontitisbakterien im ganzen Körper, sogar im Gehirn zu finden sind, und Alzheimer verursachen können.

3,5 mm ist die Grenze

Zahnfleischtasche
Bei 3,5 mm ist die Grenze erreicht und es muss gehandelt werden.
© Ankerzahn e. V. | Zeichnung: Matthias Latza

Je früher die Parodontitis erkannt wird, desto leichter lässt sie sich stoppen. Wichtig ist für jeden: Tiefer als 3,5 mm sollten die Zahnfleischtaschen nicht werden. Das kann nur die Zahnärztin oder Dentalhygienikerin herausfinden. Die Schwachstelle (Grenze zwischen Zahn und Zahnfleisch) bleibt auch bei Implantaten.

Wer nun denkt, mit dem Ausfall der Zähne ist auch die Erkrankung weg, irrt sich. Ein Zahnimplantat bildet genauso wie ein echter Zahn, ein “Loch“ in der Schleimhaut. Es bleibt alles beim Alten, auch hier bilden sich Zahnfleischtaschen. Nur die Bezeichnung ändert sich: Periimplantitis statt Parodontitis. Einzig die herausnehmbare Vollprothese, also die guten alten dritten Zähne beenden den Prozess. Hier gibt es ganz einfach kein “Loch“ mehr in der Schleimhaut. Doch so weit muss es nicht kommen. Fast jeder kann die Parodontitis stoppen – dauerhaft.

Das ganze Geheimnis ist die tägliche Entfernung von Plaque. Denn, erst wenn die Bakterien eine Kolonie bilden (also Plaque), können sie die Schwachstelle in unserem Gebiss überwinden. Es ist wissenschaftlich erwiesen: Ohne Plaque keine Parodontitis, und auch keine Karies. Die tägliche Plaqueentfernung ist daher der Schlüssel für einen gesunden Mund, und am Ende einfacher als Sie denken. Sie müssen es allerdings erst lernen. Ohne eine Schulung mit mindestens einer Erfolgskontrolle (Recall) werden Sie Ihre Parodontitis nicht stoppen. Parodontitis behandeln? Am wichtigsten sind Sie selbst!

Ist Parodontitis ansteckend?

Das Helmholtz Institut spricht von der häufigsten Infektionskrankheit der Welt. Kann ich mich eigentlich anstecken? Vermutlich ja. Genau wissen wir es nicht. Etwa ein Viertel aller Menschen bekommt keine Parodontitis, auch wenn sie ihr Leben lang keine Zahnzwischenraumpflege betreiben. Warum ist unbekannt, es könnte auch genetisch bedingt sein.

Es sind ca. 50 verschiedene Bakterienarten, welche die Parodontitis auslösen. Sie gehören fast alle zur normalen Mundflora. Vielleicht könnte ein zölibatäres Leben schützen, vermutlich aber nicht. Denn bereits in der Kindheit überträgt sich die Mundflora von der Mutter durch das ganz normale Zusammenleben (Schnuller ablutschen, gemeinsamer Trinkbecher etc.) auf das Kind.

Zudem bin ich mir sicher: Vor die Wahl gestellt zwischen einem kussfreien Leben und guter Mundhygiene, wäre für die Meisten die Entscheidung klar. Also besser zur Zahnarztpraxis, und eine Schulung zur Mundhygiene machen.
Und nebenbei: Die Hauptursache für Mundgeruch ist Plaque und das ist beim Küssen eher abträglich.

Konnten Sie etwas Neues lernen?

Zahnimplantat Kiefer

Zahnimplantate

Implantate – es ist das Zauberwort in der Zahnheilkunde. Um Implantate ranken sich viele Mythen. Ob Implantate halten, was sie versprechen, erfahren Sie hier. Mein Name ist Dr. Volker Storcks, ich beschäftige mich seit über 20 Jahren mit Zahnimplantaten und berichte Ihnen hier, was Sie schon immer über Implantate wissen wollten.

Irrtum Nr. 1: Implantate halten ewig

Wenn sie erst einmal im Kieferknochen drin sind, sollen sie ewig halten. Das denken viele. Stimmt das? Nein. Implantate können zwar keine Karies bekommen, denn sie sind ja aus Metall. Rosten tun sie trotzdem nicht! Aber der Knochen, der das Implantat hält, kann sich entzünden, und mit diesem Phänomen müssen wir Zahnärzte uns in den nächsten Jahren mehr und mehr beschäftigen, weil sich immer mehr Menschen Zahnimplantate als Ersatz für verloren gegangene Zähne setzen lassen. Wir Zahnärzte erwarten eine Welle von Patienten, bei denen sich das Gewebe um das Implantat entzündet hat. 

Das Implantat selbst kann sich nicht entzünden, weil es kein Organ wie ein Zahn ist.

Das Gewebe um das Implantat ist aber deutlich anfälliger für eine Entzündung, weil ein Implantat keine Abwehrmechanismen hat. Der echte Zahn verfügt über einen komplizierten Zahnhalteapparat, der sich gegen so einige Entzündungen wehren kann bzw. nach einer Entzündung wieder abheilt. Solange das Zahnfleisch um ein Implantat nur etwas gerötet und geschwollen ist, kriegt man diese Entzündung auch noch gut in den Griff. Auslöser ist immer ein bakterieller Rasen auf der Implantatoberfläche, den müssen Sie täglich restlos entfernen. Ist diese Entzündung aber erst mal auf ein bis zwei Millimeter Tiefe bis zum Knochen vorgedrungen, wird es schwierig. Hier hat das Implantat, welches meistens eine Schraube ist, Windungen. Sind diese Windungen von einem Biofilm besetzt und hat der Kieferknochen schon mit Selbstauflösung reagiert, wird es schwierig, dieses Implantat zu retten.
Wenn das bei einem Zahn passiert (das nennt man Parodontitis), kann man den Zahn reinigen und das Gewebe lagert sich wieder an den Zahn an – wenn auch etwas weniger. 

Bei einem Zahnimplantat heißt das Periimplantitis und die kriegen wir nur schwer zum Stoppen.
Wenn das nicht gelingt, muss das Implantat entfernt werden und es ist meistens sehr schwierig, an gleicher Stelle ein neues Implantat zu setzen, weil der Knochen fehlt.

Für Sie als Implantatträger bedeutet das: Lebenslange Kontrolle der Zähne und auch des Implantates, sehr intensive Mundhygiene und regelmäßige Prophylaxe sind die Voraussetzung, damit das Implantat lange hält.

Zähne 3D Modell
Bild von LionFive auf Pixabay

Irrtum Nr. 2: Implantate sind die besseren Zähne

Es gibt nichts besseres als unsere eigenen Zähne. Diese sind über den Zahnhalteapparat im Kiefer regelrecht aufgehängt und sorgen dafür, dass wir mit sehr viel Gefühl über die Rückmeldung von Rezeptoren Nahrung zerkleinern können. Zähne sind physiologisch also immer etwas beweglich. Implantate hingegen sind starr mit dem Kieferknochen verankert, wir sagen osseointegriert oder ankylosiert. Da spüren Sie nicht mehr viel. Auch hat das Implantat keinen Nerv und kann kein heiß oder kalt spüren. Es sollte also niemals leichtfertig ein Zahn für ein Implantat gezogen werden. Vielleicht kann der kranke Zahn ja doch noch mit einer guten Parodontosebehandlung, einer Wurzelbehandlung oder einer Krone gerettet werden? Fragen Sie Ihren Zahnarzt genau, bevor Sie sich einen Zahn ziehen lassen und sich für ein Implantat entscheiden.

Wenn der Zahn wirklich hoffnungslos verloren ist, kann ein Implantat ein wahrer Segen sein.

Gerade, wenn ein Backenzahn in einer sonst gesunden Zahnreihe verloren geht, ist das Implantat meist die beste Wahl. Die Alternative -eine Brücke- bedeutet, dass die zwei gesunden Nachbarzähne als Pfeilerzähne abgeschliffen werden müssten. Wer will sich schon zwei gesunde Zähne abschleifen lassen?

Im Frontzahnbereich sieht die Sache schon anders aus: Hier ein Implantat ästhetisch korrekt zu platzieren und eine ansprechende Krone auf das Implantat zu setzen, ist nicht ganz einfach. Nicht selten scheint das dunkle Implantat durch das Zahnfleisch durch. Oft wirken die Implantatkronen sehr lang, länger als die Nachbarzähne. Das sieht komisch aus. Eine bessere Alternative ist heute oft eine Adhäsivbrücke. Diese ist sogar in vielen Fällen eine Kassenleistung. Dafür wird nur ein Zahn minimal beschliffen und die Ergebnisse sind meist sehr gut.

Zahnimplantat Bestandteile Aufbau
Implantat-Bestandteile
Bildquelle: iStock

Irrtum Nr. 3: Implantate sind gesund!

…denn sie bestehen ja in der Regel aus Rein-Titan, welches doch ein Super Material ist.

Ja, das stimmt. Dennoch bleibt es ein Fremdkörper, wenn er auch nicht vom körpereigenen Immunsystem als fremd erkannt wird. Es wird als biokompatibel bezeichnet. Dafür ist die Titanoberfläche verantwortlich, die aus einem sehr stabilen Titanoxid besteht. Für Zahnimplantate ist nur Titan mit einem sehr hohen Reinheitsgrad (Grad 4) zugelassen. Dennoch geben auch diese Implantate Moleküle an ihre Umgebung ab, die Titanabriebpartikel. Diese können in die Blutbahn abgeschwemmt werden und auch lokale Gewebereaktionen hervorrufen. Ob es eine Titanallergie gibt, ist immer noch nicht abschließend geklärt. Das biokompatibelste Material ist und bleibt der eigene Zahn!

Irrtum Nr. 4: Implantate kann jeder kriegen – wenn er/sie es sich leisten kann!

Implantate sind leider nicht für jeden Patienten geeignet. Unbedingte Voraussetzung ist ein ausreichendes Implantatbett, also genug Kieferknochen. Das Implantat muss allseits von ausreichend Knochen umgeben sein. Wenn Sie zu wenig Knochen haben, und das ist nicht selten, wird es schwierig. Man kann Knochen künstlich aufbauen, aber das ist nur sehr begrenzt möglich. Dazu operativ aufwendig, langwierig und teuer. Wenn schon viel Knochen und damit viele Zähne durch Parodontitis verloren gegangen sind, müssen die Implantate ja sozusagen „eine Etage höher“ gesetzt werden. Weil die Bisshöhe bleibt, also der natürliche Abstand der Kauflächen von Ober- zu Unterkiefer zueinander, müssen die Zähne oft sehr lang gemacht werden. 

Weitere Voraussetzung für eine erfolgreiche Implantattherapie ist die Lebensführung: Möglichst nicht rauchen, eine gesunde Ernährung und eine gute Mundhygiene sind essentiell. Einige Erkrankungen schließen Implantationen jedoch aus sowie die Einnahme bestimmter Medikamente.

Irrtum Nr. 5: Ich bin doch viel zu alt für Implantate!

Das Alter spielt nur eine untergeordnete Rolle, viel wichtiger sind der allgemeine Gesundheitszustand und die Lebensführung. Es spricht nichts dagegen, auch hochbetagten Menschen Zahnimplantate einzupflanzen.

Sehr alte Menschen haben oft Totalprothesen, die auf dem Kieferkamm tanzen wie Schiffe in rauher See. Die Nahrungsaufnahme ist damit oft eine Qual. Für diese Patienten reichen schon zwei Implantate im Unterkiefer, um zumindest die untere Prothese fest zu verankern. Das bedeutet eine völlig neue Lebensqualität.

Deckprothese, Implantat
Eine Deckprothese dient dem Ersatz der Zähne eines Kiefers. Sie ist kombiniert aus einem herausnehmbaren und einem oder mehreren fest im Mund sitzenden Elementen. | Bild von Mudassar Iqbal auf Pixabay

Irrtum Nr. 6: Die Krankenkassen zahlen bei Implantatversorgungen nichts dazu!

Doch, das tun sie. Gerade bei kleinen Zahnlücken beteiligt sich die Krankenkasse an den Kosten für den Zahnersatz (Krone), aber nicht an den Kosten für das Implantat (Körper + Aufbau). Sie kriegen sogar den Festzuschuss wie für eine Brücke, wenn die Lücke durch eine Implantatkrone geschlossen wird. Und dieser Zuschuss ist recht hoch. Dazu sind viele Bürger mittlerweile zusatzversichert, so dass Implantate auch für Otto-Normalverbraucher erschwinglich geworden sind.

Irrtum Nr. 7:  Die Implantation ist ein Horror und das ganze Gesicht schwillt an!

Wer hört diese Gruselgeschichten nicht vom Nachbarn oder auf dem Kaffeeklatsch: Einer kennt einen, der wieder jemanden kennt, der ein Implantat bekommen hat: Alles habe sich entzündet, das Implantat sei rausgeeitert und am Ende hatte derjenige sogar eine Blutvergiftung! Ob das wirklich stimmt?

Implantationen sind heutzutage bei guter Planung und bei einem erfahrenen Chirurgen zu über 95% erfolgreich. Sicherlich kann es nach einer Implantation zu einer Schwellung kommen. Aber Sie hören vom Nachbarn und Kollegen meistens nur die Horrorstories und nicht die, bei denen alles gut verlief.  Und dies ist zu über 95% der Fall.

Irrtum Nr. 8: Keramikimplantate sind hip und das non-plus-ultra!

Keramik – viele nennen es auch das weiße Gold, das klingt sehr verheißungsvoll. 

Hält der Werkstoff, was er verspricht?

Es gibt mittlerweile auch Implantate aus Zirkonoxidkeramik. Diese scheinen gerade für sehr empfindliche Patienten eine gute Alternative zum Titanimplantat zu sein. Allerdings hat sich dieser Typ auf dem Markt noch nicht durchgesetzt. Die Erfahrungen mit Keramikimplantaten und klinische Studien sind noch zu gering, um sie uneingeschränkt für jeden Fall empfehlen zu können. Keramikimplantate sind zudem kostenintensiver.

Bei Zahnimplantaten aus Titan haben wir mittlerweile über 40 Jahre Erfahrungen, dieser Typ hat sich bewährt. Die Bewährungsprobe über viele Jahre steht für Keramikimplantate noch aus.

Das Titanimplantat ist also noch kein alter Hut!

Irrtum Nr. 9: Kaputten Zahn raus, Implantat mit Krone rein an einem Tag, geht das?

Ganz mutige Zahnärzte machen das, alles an einem Tag. Der Regelfall ist das aber nicht.

Damit die Implantatbehandlung funktioniert, braucht es eine vertrauensvolle, meist langjährige Zahnarzt-Patient-Beziehung. Die Vorbehandlung muss erfolgt sein, sämtliche Reizfaktoren aus dem Gebiss beseitigt und die Mundhygiene muss gut sein. Im Oberkiefer sollten die Zahnimplantate sechs Monate und im Unterkiefer drei Monate eingewachsen sein, bevor die Implantate mit Zahnersatz belastet werden sollten. Von dieser Regel gibt es immer Ausnahmen, die patientenindividuell sind. 

Wenn ein Zahn gezogen werden muss, wartet man in der Regel mehrere Wochen ab, bevor man implantiert. Einige Chirurgen favorisieren die Sofortimplantation, das bedeutet, dass das Implantat zeitgleich mit der Zahnentfernung gesetzt wird. Dadurch soll verhindert werden, dass der Kieferknochen an der Stelle verschwindet. 

Wenn man nach der Zahnentfernung zu lange mit der Implantation wartet, kann es sein, dass an dieser Stelle der Kieferkamm so spitz und schmal wird, dass Implantieren unmöglich wird.

Irrtum Nr. 10: Das Zahnimplantat lässt die Detektoren am Flughafen check-in piepen

Nein – das passiert zum Glück nicht!