Warum ist Parodontitis (Parodontose) so häufig? Eine Schwachstelle der Evolution im Mund

Parodontitis (Parodontose) ist mit Abstand die häufigste Krankheit in Deutschland. 
Das geht aus den Daten der aktuellen Mundgesundheitsstudie hervor: Ab einem Alter von 35 sind bereits 52% der Menschen von Parodontitis betroffen, bei den Senioren/innen sind es fast drei Viertel.

Diese Krankheit ist nicht harmlos: Sie zerfrisst unseren Kieferknochen bis die Zähne ihren Halt verlieren. Die gesamte Wundfläche des entzündeten Zahnfleisches kann die Größe einer Hand erreichen. Es erstaunt daher nicht, dass auch der restliche Körper in Mitleidenschaft gezogen werden kann. Doch warum ist diese Krankheit immer noch derart häufig? Unsere Zahnhygiene ist nachweisbar besser geworden, viele gehen sogar regelmäßig zur professionellen Zahnreinigung. Doch die Volkskrankheit geht nur schleppend zurück.

Selbst der Steinzeitmensch Ötzi (ca. 3000 v. Chr.) hatte Parodontitis. Und das ist nicht erstaunlich, im Gegenteil: Ötzi war wohl schon 45 Jahre alt und damit ein Senior zu seiner Zeit. Durch Schädelfunde wissen wir: Parodontitis gab es schon immer und schon immer waren eher die Älteren betroffen, also ab einem Lebensalter von 30 Jahren.

Es hat den Anschein, als ob es sich um eine normale Alterserscheinung handelt. Daher stammt auch der ursprüngliche Name: Parodontose. Eine Art Knochenschwund ähnlich wie bei der Osteoporose und ohne Entzündungsreaktion. Heute wissen wir: Parodontitis ist eine chronische Entzündung. Daher auch die Endung -ITIS; sie steht immer für eine Entzündung.
Wie aber ist es möglich, dass am Ende dreiviertel der Menschen diese Erkrankung bekommen?

Eine chronische Entzündung als normale Alterserscheinung?

Als vor ca. 125 Millionen Jahre die Säugetiere entstanden, betrug die Lebenserwartung dieser Tiere nur wenige Jahre. Säugetiere sind evolutionär für ein Leben bis maximal 30 Jahre ausgelegt – das gilt eben auch für die Zähne.

Tatsächlich gibt nur ganz wenige Arten, die älter als 30 Jahre werden.
Das sind zum Beispiel Elefanten oder Wale. Die haben allerdings auch nicht mehr das typische Säugetiergebiss. Dann gibt es noch die Gruppe der Primaten, zu denen wir auch gehören. Schimpansen, Gorillas und Orang Utans werden in der freien Wildbahn allerdings nur in Ausnahmefällen älter als 30 Jahre. Das galt bis vor 10 000 Jahren auch für den Menschen. Menschliche Fossilien aus der Steinzeit zeigen: Nur wenige schafften es bis zu einem Alter von 40, und noch viel weniger darüber hinaus. Und richtig, die “Alten“ hatten oft Parodontitis, so wie Özti, der ca. 45 Jahre alt wurde.

Was ist Parodontitis für eine Krankheit?

“Die Zähne durchbrechen die Schleimhaut (...), damit ist es die einzige Stelle im Körper in der natürlicherweise ein Loch in der (Schleim-)Haut entsteht.“

Prof. Dr. Dörfer (Direktor der Parodontologie Kiel)

(Komplettes Interview am Ende des Artikels)

Ein Loch in der Haut?
Tatsächlich liegt es in der Natur der Sache, dass unsere Zähne unsere Schleimhaut durchbrechen müssen. Es geht nun mal nicht anders. Der ganze restliche Körper ist überall von unserer Haut, bzw. Schleimhaut umgeben und das ist wichtig: Auf diese Weise grenzen wir uns von der Außenwelt ab. Diese Barriere schützt uns vor allem vor Krankheitskeimen. Nur im Mund gibt es ein Loch, bzw. 32 Löcher.

In gewisser Weise sind Zähne eine Art Knochen, die aus dem Körper heraustreten. Unser Zahnfleisch dichtet diese “Löcher“ ab. Ähnlich wie der Fensterkitt die Glasscheibe. Jeder Zahn ist daher rundum von Zahnfleisch umgeben und die Löcher damit gestopft. Das funktioniert auch recht gut, unser Zahnfleisch haftet so fest am Zahn, dass da nichts durch kommt.

Allerdings befindet sich diese evolutionäre Schwachstelle an einem ungünstigem Ort. Denn der Mund ist dicht besiedelt mit Bakterien.

Hier ist es warm, feucht und vor allem: Es gibt regelmäßig etwas zu essen. Daher können die Mikroben gut gedeihen und eine Kolonie bilden. Diese Kolonie wird Plaque, Zahnbelag oder auch Biofilm genannt. Für unsere Zähne gilt: Erst wenn die Bakterien eine Kolonie (Plaque) bilden, können sie uns gefährlich werden.

Klar ist: Ohne regelmäßige Reinigung wird der Schutzwall irgendwann einbrechen:
Es ist eine Frage der Zeit.


Es beginnt in den Zahnfleischfurchen

Das Zahnfleisch, das jeden Zahn umgibt, hat am oberen Rand eine sogenannte Furche, auch Sulcus genannt. Jeder Zahn ist also rundum von dieser Furche umgeben. In dieser Nische können sich Bakterien besonders gut ansiedeln. Deshalb entsteht dort diese Kolonie (Zahnbelang oder Plaque genannt).
Zahnfleischfurchen sind also so etwas wie die Fugen beim Altbau-Dielenboden: Ein geschütztes Biotop, wo das Leben eine Nische findet. Glücklicherweise reinigen wir die Furchen beim Zähneputzen, auch wenn uns das nicht bewusst ist.

Wir putzen nicht nur die Zähne, sondern eben auch den oberen Teil des Zahnfleisches. Es passiert fast zwangsläufig, wenn wir uns halbwegs normal unser Gebiss bürsten.
Der Haken ist nur: die Furchen gehen rund um den Zahn!  Vor allem die Zahnzwischenräume der Backenzähne bleiben bei der Mehrheit vollkommen ungeputzt. Dort gedeiht der Biofilm dann natürlich prächtig.


Plaque in den Zahnfleischfurchen

Plaque in den Zahnfurchen ist das Problem

Deshalb können die Bakterien hier ungestört wachsen, und verursachen bei der Mehrheit früher oder später eine Zahnfleischentzündung. Die Zahnärzte sprechen dann von einer Gingivitis. Da sie zwischen den Zähnen liegt, wird sie auch nicht bemerkt: Kein Zahnfleischbluten oder sonstige Hinweise.

Die Speisereste, die zwangsläufig bei jeder Mahlzeit im Zahnzwischenraum hängen bleiben, versorgen die Bakterien zuverlässig mit Nahrung.Noch ist das kein Problem, noch ist es harmlos. Aber: Die Bakterienkolonie arbeitet sich über viele Jahre immer weiter in das Zahnfleisch hinein. Aus Furchen entstehen die sogenannten Zahnfleischtaschen.

Mit einer Sonde wird die Tiefe der Zahnfleischtaschen gemessen

Mit einer Sonde wird die Tiefe der Zahnfleischtaschen gemessen


Zahnfleischtaschen sind gefährlich

Die Gingivitis (Zahnfleischentzündung) verursacht, dass die Haftung des Zahnfleisches am Zahn nachlässt. Damit ist das “Loch“ am oberen Rand nicht mehr ganz abgedichtet. Damit sind Zahnfleischtaschen entstanden. Davon bemerken wir nichts und die Taschen sind auch zunächst nicht schlimm. Für die Bakterien ist das aber ein großer Unterschied: Ihr Lebensraum vergrößert sich. In der neu entstandenen Nische können sie eine größere Kolonie bilden und die Entzündung beschleunigt sich.

Die Speisereste, die zwangsläufig bei jeder Mahlzeit im Zahnzwischenraum hängen bleiben, versorgen die Bakterien zuverlässig mit Nahrung.

Die Zahnfleischtaschen können daher größer werden. Sind sie ca. 3,5 mm tief, erreicht der untere Taschenrand den Kieferknochen. Jetzt überträgt sich bei der Mehrheit der Bevölkerung die Entzündung auf den Kieferknochen. In diesem Knochen sind die Zähne fest verankert. Er ist der wesentliche Teil des “Zahnhalteapparats“ auch Parodont genannt. Damit ist der Zahnhalteapparat (Parodont) entzündet. Ab jetzt liegt eine Parodontitis vor – die evolutionäre Schwachstelle wurde durchbrochen, mit dramatischen Folgen.

Wohlgemerkt: Auch gesundheitsbewusste Menschen, die sich zweimal täglich die Zähne putzen, sind genauso betroffen. Die Zahnzwischenräume der Backenzähne sind fast immer der Ausgangspunkt der Parodontitis. Bemerken tun wir es nicht.


Knochenentzündung mit Folgen

Indem die Entzündung vom Zahnfleisch auf den Knochen überspringt, ist sie in den Körper eingedrungen. Die Schutzbarriere ist durchbrochen, die Schwachstelle der Evolution geknackt. Wie oben beschrieben ist es bereits bei 52% der 35-Jährigen der Fall. Die Wenigsten sind sich dessen bewusst.

"Parodontitis ist eine Volkskrankheit, die noch immer viel zu selten oder zu spät erkannt und behandelt wird"

Dr. Bettina Dannewitz (Präsidentin elcet. der DG Paro)

Ein wichtiger Grund, warum die Krankheit viel zu selten erkannt wird, ist die Tatsache, dass sie so “normal“ ist. Die alte Bezeichnung Parodontose geht darauf zurück, dass man glaubte es handelt sich um eine Alterserscheinung.
Aus dem Grund ist der ParoPass® ein wichtiges Dokument, wo jeder sieht: Bin ich betroffen oder nicht? Das Immunsystem kämpft nun gegen die eingedrungenen Bakterien und durch diese Entzündung wird der Kieferknochen abgebaut. Im wahrsten Sinne des Wortes frisst sich die Parodontitis in uns rein.

Das Verrückte dabei: Diese Knochenentzündung verursacht keine Schmerzen, und oft auch kein Zahnfleischbluten.Versteckt zwischen den Backenzähnen dringt sie heimlich in unseren Knochen und wir bemerken nichts. Diese chronische Entzündung läuft oft über Jahrzehnte unbemerkt. Rauchen beschleunigt den Prozess, eine schlechte Ernährung vielleicht auch.

Dafür gibt es Millionen Beispiele. Bei der individuellen Risikobewertung sind sich die Experten einig: Die persönliche Veranlagung ist der Hauptfaktor. Ein Hinweis kann die Familie liefern: Gehören Zahnausfall und dritte Zähne zum normalen Älterwerden, dann hat man selbst ein hohes Risiko. Allerdings: Am Ende sind nachweisbar drei Viertel der Bevölkerung betroffen. Es macht also bei jeden Sinn, spätestens ab 30 Jahren mindesten einmal (besser zweimal) im Jahr mit dem ParoPass® in die Zahnarztpraxis zu gehen.

Der Knochen kommt nicht zurück

Die Parodontitis ist also im Wesentlichen eine Knochenentzündung. Unbemerkt verschwindet ein Teil des Kieferknochen und zwar für immer. Dieser Prozess geht über Jahre bis Jahrzehnte, ohne dass wir davon etwas ahnen.

"Wenn die Parodontitis Schmerzen verursachen würde, hätte ich viele weinende Patienten im Wartezimmer."

Dr. Michael Brandt Präsident der Zahnärztekammer Schleswig-Holstein.

Symptome wie Zahnfleischbluten, Zahnfleischrückgang, schlechter Atem oder gar wackelnde Zähne können zwar auftreten, müssen aber nicht. Wichtig ist zu wissen, dass es gar nicht möglich ist, die Parodontitis selbst zu erkennen – das kann nur die Zahnarztpraxis,  eine Dentalhygienikerin oder ein Zahnarzt.

Erst im deutlich fortgeschrittenem Zustand wird in der Regel die Parodontitis von den Betroffenen bemerkt. Dann hat sich oftmals schon so viel Knochenmasse abgebaut, dass der Prozess nur noch schwer und mit hohem Aufwand zu stoppen ist.  Erst dann treten Schmerzen auf – erst dann wackeln die Zähne. Es wird immer schwerer die Krankheit zu stoppen bis es gar nicht mehr möglich ist. Dann bleibt dem Zahnarzt nur noch das Ziehen der Zähne. Den Betroffenen wird meistens erst dann klar, dass sie nicht nur ihre Zähne, sondern auch eine beträchtliche Menge Knochenmasse verloren haben.


Gesunder Kiefer
Kiefer von Parodontitis befallen

Gesunder Kiefer / Kiefer von Parodontitis befallen


Das ist bei Implantaten ein häufiges Problem, denn auch künstliche Zähne brauchen Halt. Das allein ist schon gravierend genug, doch es kommt noch schlimmer. Studien legen den Verdacht nahe, dass Parodontitis noch weitere ungünstige Auswirkungen auf den Körper gibt: Vor allem das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko wird erhöht.

In Hamburg läuft derzeit eine groß angelegte Studie (Hamburg City Health Study 2019) mit 45.000 Teilnehmern. Unter anderem werden dort die Auswirkungen der Parodontitis auf unser Gefäßsystem untersucht. Neueste Untersuchungen haben ergeben, dass Parodontitisbakterien in ganzen Körper, sogar im Gehirn zu finden sind.

3,5 mm ist die Grenze

Je früher die Parodontitis erkannt wird, desto leichter lässt sie sich stoppen. Wichtig ist für jeden: Tiefer als 3 mm sollten die Zahnfleischtaschen nicht werden. Bei 3,5 mm ist die Grenze erreicht und es muss gehandelt werden. Das kann nur die Zahnärztin oder Dentalhygienikerin herausfinden. Die Schwachstelle bleibt auch bei Implantaten.

Wer nun denkt, mit dem Ausfall der Zähne ist auch die Erkrankung weg, irrt sich. Ein Zahnimplantat bildet genauso wie ein echter Zahn ein “Loch“ in der Schleimhaut. Es bleibt alles beim Alten, auch hier bilden sich Zahnfleischtaschen. Nur die Bezeichnung ändert sich: Perioimplantitis statt Parodontitis. Einzig die herausnehmbare Vollprothese, also die guten alten dritten Zähne beenden den Prozess. Hier gibt es ganz einfach kein “Loch“ mehr in der Schleimhaut. Doch so weit muss es nicht kommen. Fast jeder kann die Parodontitis stoppen –dauerhaft.

Das ganze Geheimnis ist die tägliche Entfernung von Plaque. Denn: Erst wenn die Bakterien eine Kolonie bilden (also Plaque), können sie die Schwachstelle in unserem Gebiss überwinden. Es ist wissenschaftlich erwiesen: Ohne Plaque keine Parodontitis, und auch keine Karies. Die tägliche Plaqueentfernung ist daher der Schlüssel für einen gesunden Mund und am Ende einfacher als Sie denken. Sie müssen es allerdings erst lernen. Ohne eine Schulung mit mindestens einer Erfolgskontrolle (Recall) werden Sie Ihre Parodontitis nicht stoppen. Parodontitis behandeln? Am Wichtigsten sind Sie selbst.

Ist Parodontitis ansteckend?

Das Helmholtz Institut spricht von der häufigsten Infektionskrankheit der Welt. Kann ich mich eigentlich anstecken? Vermutlich ja. Genau wissen wir es nicht. Ca. ein Viertel aller Menschen bekommt keine Parodontitis, auch wenn sie ihr Leben lang keine Zahnzwischenraumpflege betreiben. Warum ist unbekannt, es könnte auch genetisch bedingt sein.

Es sind ca. 50 verschiedene Bakterienarten, die die Parodontitis auslösen. Sie gehören fast alle zur normalen Mundflora. Vielleicht könnte ein zölibatäres Leben schützen, vermutlich aber nicht. Denn bereits in der Kindheit überträgt sich die Mundflora von der Mutter durch das ganz normale Zusammenleben (Schnuller ablutschen, gemeinsamer Trinkbecher etc.).

Zudem bin ich mir sicher: Vor die Wahl gestellt zwischen einem kussfreien Leben und guter Mundhygiene, wäre für die Meisten die Entscheidung klar. Also besser zur Zahnarztpraxis und eine Schulung zur Mundhygiene machen. Und nebenbei: die Hauptursache für Mundgeruch ist Plaque, und das ist beim Küssen eher abträglich.


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